Hofnarr des Tages: Winfried Kretschmann

Von Anselm Lenz

Seine Partei zurück zu den ganz großen Familientraditionen zu führen, denen sie ja einst aus Gründen der sexuellen Libertinage entsagte, scheint Winfried Kretschmanns Lebenswerk zu werden. Wie kaum ein anderer bei den Bündnisgrünen steuert der Landesherr aus dem Ländle das "grüne Projekt" in den Heimathafen der Bürgerlichkeit - ein Unterschied zu den Großeltern von der CDU ist längst nicht mehr gegeben, mit der einzigen Ausnahme, dass die Sonnenblumenpartei noch vor der CDU einem Angriffskrieg des deutschen Militärs einleitete.

Kretschmann scheint die Rückkehr zur bürgerlichen Traditionspflege nun nicht mehr auszureichen, er will noch weiter zurück. Am Dienstag abend posierte der ehemalige Maoist, spätere Mitgründer der Grünen im Schwäbischen und heutige Ministerpräsident Baden-Württembergs mit der Brut der Aristokratie. Nicht, um sie an den finalen Abschied von ererbten Privilegien zu gewöhnen. Wohnraum ist knapp und ein paar Schlösser stehen leer, ein Leben in der Produktion ist möglich.

Nein, vielmehr um einfach mal mit Leuten wie Friedrich Herzog von Württemberg, Berthold Schenk Graf von Stauffenberg und Bettina Gräfin Bernadotte feudal abzuhängen. Und im Zuge dessen ungefragt den Dank der niederen Stände auszurichten. Die Inobhutnahme der "Kulturdenkmäler" sei ja schon superklasse. Das Ehrenamt gehöre, so Kretschmann, in vielen adeligen Familien zur Tradition: Ländereien, Wälder, Jagdgründe würden oft "liebevoll gepflegt" und seien sogar manchmal "der Öffentlichkeit zugänglich". Ganz so, als könnte eine organisierte "Öffentlichkeit" nicht auch selber dafür sorgen. - Bürgertum, Klerus, Adel. Welche Rückschritte bleiben noch für Kretschmann? - Vielleicht was aus dem Bereich Kaiser?

Quelle: Junge Welt 18.05.2017